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Im Zentrum des Herzens den ureigenen Schatz bergen
Heilsein beginnt mitten im Schmerz – Ein Chakra-Seminar bei Stephan Dalley

Sicher, dass mein Herz bei all der Terminhetze und dem Leistungsdruck oft ein wenig hinterherhinkte, wunderte mich nicht mehr.
Dass ich mich allerdings bereits an das Stolpern meines lebenswichtigsten Muskels gewöhnt hatte, dass der Druck auf der Brust, die Enge, die mich wie ein Schraubstock einzukerkern schien, fast schon vertraut war, wunderte mich irgendwann eben doch. Doch erst als ich nachts nicht mehr schlafen konnte, weil mich seltsame, elektrisch anmutende Schläge, durchjagten und mein Herz raste, als wolle es die Nacht zum Tage machen, fand ich den Weg zu Stephan.

Beim Seminar über das Herzchakra, so hoffte ich, würde sich vielleicht mein „psychosomatisches“ Problem klären. Denn dass sich mein arbeitsreicher Lebensstil irgendwie auf der Pumpe manifestiert hatte, dämmerte mir schon lange. Klar wurde mir bei diesem eintägigen Seminar jedoch vor allem eines: Dass es vor allem Trauer, Wut und emotionaler Schmerz waren, die mich an meiner empfindsamsten Stelle getroffen hatte. Etwas zu tief getroffen hatten.

Doch die wahre Ursache sollte ich erst im zweiten Teil des Seminars erfahren. Zunächst erzählt uns Stephan mit ruhiger Stimme, dass es doch im Grunde immer nur um die Liebe geht. Einen Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Führt er doch vom rein funktionalen Verständnis unseres Zentralorgans auf eine viel transzendentalere Ebene, nämlich dorthin, wo die Funktionsstörungen ihren Ursprung haben. Trotzdem lache ich noch, die geistige Ebene von Krankheit scheint mir noch viel zu fern, als dass ich an eine Heilung in diesen jenseitigen Gefilden für möglich halten könnte.

Ist es die Atmosphäre mit anderen, die in die gleiche Richtung denken, ist es allein Stephans Gegenwart oder eine höhere Macht, die im Spiel scheint? Vielleicht ist es alles zusammen, wenn sich plötzlich alte Wunden öffnen und wieder zu bluten beginnen. Wenn längst verschüttet geglaubte Schmerzen hochkommen, hervorgewürgt werden und nach Befreiung schreien. Doch diese Überlegungen stelle ich erst viel später an.

Wer vielmehr gerade schreit, bin ich, denn Stephan ist der Meinung, dass wir atmen sollen. Was er damit tatsächlich beabsichtigt, wird mir ebenfalls erst später klar. Vorerst tue ich, wie mir geheißen - und atme in einem ungewöhnlichen Stakkatorhythmus. Ich fühle mich an die dynamische Meditation von Osho erinnert – und in der Tat ist es der gleiche stereotype Ablauf, der sich unermüdlich ins Zentrum des Herzens schraubt. Meine Begeisterung angesichts verkrampft verdrehter Hände, Schwindel und Pein lässt zu wünschen übrig. Doch Stephan jagt uns weiter mitten ins Mark des bislang Gemiedenen, die psychedelische Musik hämmert auf Herz und Gemüt, trommelt die dunklen Schatten der Seele ans Tageslicht.

Scheinbar fest verkapselte Verletzungen rüttelt Stephan dann auch buchstäblich hervor, indem er mir keine Chance lässt, den Altlasten zu entkommen. Meine anfängliche Weigerung, ja meine anfängliche Unfähigkeit, bei diesem seltsamen Spiel mitzumachen, quittiert er mit kräftigen Massagestößen am Brustkorb, so dass mir nichts anderes übrig bleibt, als ebenso kräftig auszuatmen. Das hastige Hecheln lässt dem eingekerkerten Schmerz keine Wahl. Er muss hervorbrechen, und sei es mit voller Wucht. Doch darauf ist Stephan vorbereitet.

Weinen, Schreien, Spucken, Würgen: All das akzeptiert er (im Gegensatz zu mir), ja heißt es gar willkommen, feuert vielmehr an, weiterzumachen, wo bislang angstbesetzte Erinnerungen zur schnellstmöglichen Umkehr rieten.
Doch hier in diesem Rahmen, in diesem Raum voll sich windender Menschen, die alle offenbar „ihr Päckchen zu tragen haben“, darf das Unaussprechliche, das Unbewusste, das Ungeheuerliche endlich erlöst werden. Außer sich sind in diesem Saal alle. Auf Yogamatten liegend kämpft hier jeder mit seinem ganz ureigenen „Thema“, seinem persönlich gehüteten, bitteren Schatz, den es zu entdecken gilt und der nicht nur steinalte Schmerzen birgt, sondern auch die Chance zur Ganz-, ja Heilwerdung.

Stephan scheint dies zu wissen und lässt sich von meinem Widerstand nicht beeindrucken. Er scheint genau zu wissen, dass ich hier nicht sterbe, sondern wiedergeboren werde. Ich allerdings weiß es noch nicht und lasse mich von meiner inneren Atombombe erschüttern, bis ich erschöpft zusammensacke.

Nach einer Stunde (so erfahre ich später, mein Zeitgefühl war mir völlig abhanden gekommen) permanentem Atemstresses ist die Erlösung nahe, die Entspannungsphase beginnt. Mein Körper bebt weiter, ist noch erfasst von dem, was ihn so aufgewühlt hat.
Langsam jedoch lässt das Zittern nach, wird der Atem flacher, ebbt die Empörung ab. Und ich ergebe mich: „Gott, mach mit mir, was immer du willst“, denke ich nur noch.

Ein Antlitz taucht peu à peu vor dem Hintergrund meines eigenen Bewusstseins auf, es hebt sich langsam davon ab - so, als würde es sich kurzzeitig davon lösen, nur, um sich mir just in diesem Augenblick zu offenbaren – und um dann ebenso langsam wieder darin einzutauchen. Unsichtbar, und trotzdem da.

Christiane Barth
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